In fremden Betten durch Mexiko

Vielleicht war es jugendlicher Leichtsinn, vielleicht Neugier, jedenfalls beschlossen meine beste Freundin und ich, vier Wochen quer durch Mexiko zu reisen. Ja, zwei Frauen ganz alleine in Mexiko. Vermutlich wird das Herz aller besorgten Mütter jetzt für einen kurzen Moment still stehen. Vor allem, weil das noch nicht die ganze Geschichte ist. Schlafen wollten wir nämlich bei Fremden, die wir zuvor noch nie gesehen hatten…

Das Ganze nennt sich Couchsurfing. Eine Online Plattform mit einem Netzwerk voller reiselustiger Verrückter und vor allem vieler armer Studieren- der, die umsonst einen Schlafplatz anbieten oder suchen. Doch inzwischen ist das Portal längst nicht mehr ein Geheimtipp unter Studierenden, sehr viele Menschen quer durch alle Schichten nutzen das Angebot. Und so ist vom Keller bis zum Luxusappartement alles dabei. Natürlich geht es dabei nicht nur darum, möglichst sparsam in der Welt herumzureisen. Man kann Land und Leute hautnah erleben, man ist mittendrin – und vielleicht findet man sogar echte Freunde.

So betreten wir das erste Mal mexikanischen Boden und landen in einem kleinen Ort namens San Miguel de Allende. Voll beladen mit Rucksäcken (die mindestens genauso groß und schwer sind wie wir) und ohne Spanischkenntnisse ma- chen wir uns auf den Weg zum ersten Couchsurfer. Der Gedanke, zu einem völlig Fremden zu fahren, um in seinem Haus zu übernachten, ist schon etwas beängstigend. Das könnte durch- aus auch der Anfang eines Horrorfilms sein: „Mitternacht in Mexiko“ oder „La casa mexinana“. Doch Horror ist zunächst nur die Taxifahrt. Ein Formel-1-Rennen, im Slalom geht es durch die Straßen, rote Ampeln sind kein Hindernis und auch im Gegenverkehr fühlt sich unser Fahrer sichtlich wohl. Nein, kein Horrorfilm. Es ist eher die Fortsetzung von „The fast and the Furious“. Rechts und links fliegen kleine, enge Gassen vorbei, die bunten Häuser der Altstadt, von denen teils die Farbe abblättert. Überall sind Menschen unterwegs. Alle bereiten sich auf den anstehenden Unabhangigkeitstag vor. Die Straßen werden geschmückt, die ganze Stadt verwandelt sich. Ein großes, buntes Fest mit Laternen, Musik und purer Lebenslust – Viva la vida. Ich fange an, mich in Mexiko zu verlieben.

Wir überleben die erste Nacht. Ein leises Türklopfen. Leila, das Kind unserer Couchsurfer-Familie schleicht sich langsam zu unseren Betten, setzt sich zu uns und hat ein Buch in der Hand.

In der Küche bereitet ihre Mutter Maya das Frühstück. „Chicas are you hungry?“ Wir sind tatsächlich mittendrin. Und es ist alles andere als bedrohlich. Auch den Rest des Tages verbringen wir mit der Familie, wir besuchen die Azteken-Tempel, abgelegen in den Bergen, und erfahren viel über die beeindruckende Geschichte der Mexikaner, ihre Traditionen und ihre Kultur. Eine Kultur, die unserer Familie sehr am Herzen liegt. Eine Weile haben sie darum in einem Ökodorf in Oaxaca gelebt, ein Projekt, bei dem es darum ging, das traditionelle Mexiko zu erhalten und gegen den Konsumwahn und den Kommerz anzukämpfen. Denn das Handwerk, die Vielfalt der Lebensmittel und die alte Kultur verschwinden allmählich. Noch immer stellen sie eigene Schokolade her, mit Bohnen von der eigenen Kakaoplantage. Zu Hause im Keller werden Pilze angebaut und auf dem Dach gibt es einen Nutzgarten und Hühner.

Nach vier Tagen, zahlreichen Mezcal-Drinks, gebratenen Insekten und langen Gesprächen bis in die Nacht verabschieden wir uns. Fremde werden zu Freunden und der Abschied fällt tatsächlich schwer. Unser nächster Stopp ist Mexiko City und der Unterschied zum beschaulichen Leben in San Miguel de Allende könnte kaum größer sein. In der Metropole, einst Aztekenhauptstadt Tetochnitlan, die mit Schätzen wie der Sonnenpyramide und der Straße der Toten überwältigt, leben rund 20 Millionen Einwohner. Die breiten Straßen, der große Platz „Zocalo“ (Plaza de la Constitucion) und die Architektur der Innenstadt mit der Kathedrale, dem Rathaus und dem Nationalpalast sind überwältigend. Und überall Menschen. Massen von Menschen.

Mexiko – eine atemberaubende Reise, ein Land mit unglaublich vielen Facetten und einer unfassbaren Natur. Aber vor allem mit wirklich gastfreundlichen und zugewandten Menschen, mit einer herzlichen und offenen Mentalität. Eine Inspiration. Der Abschied fällt schwer, die Rückkehr fest geplant.

Text: Maria Murnikov
Foto: Fillipa Campus / unsplash
Fotos im Magazin: Maria Murnikov

(Dieser Artikel ist im Stadtkind Magazin / Januar-2016 erschienen)

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