„Wie konnte das damals gepasst haben?“ – Wenn aus Liebenden Fremde werden

Witzig wie naiv wir waren. Wir hatten Träume, Ziele, Pläne. Waren so überzeugt davon. Mit dem VW Bus eine Weltreise. Nur mit Zelt und Rucksack. Unabhängig sein, Freiheit leben – in den Tag hinein. Wollten trampen, wenn das Geld knapp wird, ein Zelt aufschlagen irgendwo in Nirgendwo. Wir beide für die Ewigkeit. So sicher.

Wenn wir uns heute zufällig über den Weg laufen, ist davon nichts mehr zu spüren. Als wären wir Fremde. So hab ich mir unser Wiedersehen nicht vorgestellt. Im Supermarkt, zwischen Wein und Tiefkühlregal. Zu spät.

„Ach wie schön, was machst du denn hier?“

Da stehen wir beide nun an einem Samstagmorgen, der so schön hätte anfangen können. „Und was gibt’s bei Dir so Neues?“ Ich versuche die letzten sieben Jahre so kurz wie möglich zusammenzufassen, in der Hoffnung, dass ich den Morgen doch noch retten kann. Er nickt euphorisch und fängt an zu erzählen. Dabei lässt er kein Detail aus. Zu schade, dass ich so weit weg vom Wein stehe.

Die Ewigkeit ist auch nur eine Lebensabschnittsphase

„Nach meinem Studium in Wirtschaftswissenschaften habe ich direkt ein Praktikum bei einem der größten Pharmaunternehmen Deutschlands angefangen, weltweit bekannt. Die übernehmen mich höchstwahrscheinlich und dann sind mir 100.000 € im Jahr gesichert.“ „100.000 Euro?“, wiederhole ich unbeeindruckt. Ich kann den Preis vom Wein nicht lesen. „Und dann wollen Leonie und ich uns ein BMW holen. Ich kann diese U-Bahn nicht mehr sehen. Diese Massenansammlungen jeden Morgen und diese Lautstärke erst.“

Ich muss lächeln. Wilde Festivalzeiten und Fahrrad fahren, um die Umwelt zu schonen, sind wohl auch vorbei. Mein Blick wandert über die Tiefen der Supermarktregale. Ich wusste gar nicht, dass es den Chardonnay gerade im Angebot gibt.

„Wir sind gerade aus New York zurück und waren in diesem teuren Restaurant. Wo war das gleich?“ Sein nachdenklicher und angestrengter Blick sieht eigentlich ganz glaubwürdig aus. „Ja, genau. Es war an der Querstraße zum Columbus Circle direkt im Zentrum am Central Park.“ Bitte hol jetzt eine Karte raus und beschreibe mir noch die exakten Koordinaten des Standorts. „Sie hat sich so sehr in den Koch verliebt, dass wir jeden Tag dort Essen waren. Ich kann ihr doch keinen Wunsch abschlagen. Solange es nur das Essen ist und nicht der Koch?“

Er lacht so laut, dass ich nur noch auf eine Abschlussverbeugung warte, weil der gesamte Supermarkt sich umdreht. One-Man-Show zu Ende. Danke für den Auftritt, diesen Supermarkt werde ich vor Scham nie wieder betreten.

„Du, ich muss jetzt leider los, nicht das Leonie noch sauer wird und die kann ziemlich gefährlich werden weißt du?“, grinst er und ich hoffe, dass er nicht wieder anfängt, so grausam zu lachen. „Ich wünsch dir alles Gute, wir können uns bei Gelegenheit ja mal auf ein Mittagessen treffen“. Genau, am besten in einem
Restaurants eurer Wahl in der die Rechnung anschließend so teuer ist wie meine Monatsmiete.

Wie konnte das damals gepasst haben? Ich stelle mir vor wie sich diese Selbstdarstellung auch beim nächsten Treffen zieht. Schlimmer als bei einem schlechten Date, bei dem man jede Gelegenheit nutzen würde, den Notausgang zu suchen und zu flüchten.

Schlimmer als bei einem schlechten Date, bei dem man jede Gelegenheit nutzen würde, den Notausgang zu suchen und zu flüchten.

Wir verabschieden uns etwas zu freundlich und sagen uns strahlend, mit einer herzlichst innigen Umarmung, wie schön es doch ist, dass wir so gute Freunde geblieben sind und es so gut tat, einander wiederzusehen. Ich muss mir Mühe mit meinem Sarkasmus geben.

Jeder geht wieder seinem Alltag nach und aus der „Freundschaft“ wird natürlich nicht wirklich was. Auf mich warten kein Sterne-Koch, kein BMW und keine von 100.000 Euro. Ich setz mich in die volle Ringbahn und fahr in meine 5er-WG nach Moabit. Dort, wo ich jeden Morgen von Cher in Dauerschleife von meinem Mitbewohner aufgeweckt werde, zu schiefem Karaokegesang wieder einschlafe und das teure Porzellanset von meiner Oma für Trinkspiele benutzt wird.

Er war Teil einer Zeit, mein Lebensabschnittsgefährte. Jetzt nur noch Vergangenheit. Wir haben uns entfremdet. Entfremdung, was für ein komisches Wort. Ein Zustand zwischen Beziehungen, in der die Nähe, die einst mal da war, fremd wird. Aus dem „Wir“ wird eine Standardphrase, die mit „damals“ beginnt, und von dem „Uns“ bleibt nur noch ein „Ich“. Eine innere Veränderung, die zu einer zwischenmenschlichen Entfernung führt. Schwer zu kontrollieren, schwer zu steuern, zumal es manchmal sogar unbewusst geschieht. Zusammen an Entscheidungen, Veränderungen und Erfahrungen wachsen oder das Wachstum alleine erleben.

Aus dem ‚Wir‘ wird eine Standardphrase, die mit ‚damals‘ beginnt, und von dem ‚Uns‘ bleibt nur noch ein ‚Ich‘.

Du warst ein schönes Kapitel für mich und dafür danke ich Dir. Doch an dieser Stelle wünsche ich Dir, Leonie und Eurem Koch nur alles Gute! Möge Euch der Lärm der U-Bahn nicht mehr belästigen und der künftige BMW nur Glück und Freude bescheren. Aber ich für meinen Teil freue mich, wenn ich meinen Samstagmorgen ohne Wein im Visier beginnen muss.

Text: Maria Murnikov
Foto: Jonas Weckschmied /unsplash

Der Text erschien bei mit vergnügen

mit-vergnuegen-logo.jpg

Kommentar verfassen